Und plötzlich hört sich die Welt für einen Moment auf zu drehen, bevor sie dir mit voller Wucht ins Gesicht schlägt 

Hallo ihr Lieben,

nun sind schon zwei Wochen vergangen, seit dem unser Maikäferchen zurück in den Himmel geflogen ist. Zwei Wochen voller Trauer, Erschütterung, Sehnsucht, aber auch zwei Wochen mit vielen Gesprächen, sehr berührender Post von Menschen, die wir garnicht kennen, von Menschen, die uns gut nachfühlen können, weil sie ähnliches erlebt haben,  aber auch von Menschen, von welchen wir niemals mit einer direkten Anteilnahme gerechnet hätten. Dafür sind wir sehr dankbar.
So nach und nach beginnen wir aber auch, aus unserer Ohnmacht zu erwachen und zu realisieren, was seit der bisher schlimmsten Nachricht in unserem Leben alles passiert ist.

Die Nachricht , dass das Herz unseres Maikäferchens aufgehört hat zu schlagen, traf mich wie ein Blitz. Ich war ganz allein beim Frauenarzt, zu einer normalen Vorsorgeuntersuchung und ich konnte zunächst nicht glauben, was ich hörte. Lange noch versuchte die Ärztin, ein Lebenszeichen von unserem Kind zu bekommen, doch war uns beiden klar, dass sie keines mehr finden würde. 

Mit diesem Wissen, einer Krankmeldung für den Arbeitgeber und einer Einweisung für eine Klinik, verließ ich einige Zeit später die Praxis, in welcher ich auch schon die glücklichsten Momente meines Lebens erleben durfte und funktionierte ab diesem Zeitpunkt einfach nur noch.

Den Mann anrufen, den wichtigsten Menschen und dem Arbeitgeber Bescheid geben…Völlig neben mir fuhr ich die halbe Stunde mit der Straßenbahn nach Hause und wollte einfach nur noch allein sein.

Kurze Zeit später kam dann auch mein Mann und wir versuchten gemeinsam zu begreifen , was da gerade passiert war. Alle Hoffnungen und Träume, alle Freude und Zukunftsplanung, alles von einer Sekunde auf die Andere zerstört. Wir fühlten uns schrecklich leer und allein und mussten trotz allem Entscheidungen treffen, wie es nun weiter gehen sollte.

Ich sammelte all meine Kräfte und rief in einer Klinik an, um nach einem Termin zu fragen. Wir sollten gleich zu einem Vorgespräch kommen.

Durch einige Berichte von Menschen, die schon vor uns diese schreckliche Erfahrung machen mussten wusste ich bereits, dass ich nicht wirklich mit Feinfühligkeit zu rechnen hatte, also versuchte ich einfach nur, dass Ganze hinter mich zu bringen.

Die Untersuchung bestätigte die Diagnose „Missed Abortion“ (verhaltene Fehlgeburt) und wie schon in der Praxis, riet man mir auch hier zu einer Ausschabung, weil unser Kind schon zu groß war und man nicht genau wusste, wie lange es schon nicht mehr lebte und so wurde der OP-Termin auf den nächsten Tag gelegt.

Am Abend beriet ich mich noch mit meiner Hebamme die mir anbot, es mit einer natürlichen „kleinen Geburt“ zu versuchen, um nicht ins Krankenhaus zu müssen. Vom Herzen her wollte ich dieses Angebot unbedingt annehmen , doch mein Kopf entschied sich dagegen, weil die Herbstferien der Läuse nahten und ich mir da keinen Ausfall erlauben wollte. Zudem gab es in den Nachgeburtsphasen bei beiden Mädels erhebliche Blutungen und ich hatte Angst, dass es auch hier passieren könnte.

Also ging ich am nächsten Morgen schweren Herzens in die Klinik. 

Dort angekommen, wurde mir ein Bett in einem 3-Bett-Zimmer zugeteilt und ich erhielt eine Tablette, um die „Geburt“ einzuleiten. Ganze 6 Stunden lag ich nun in diesem Zimmer mit fröhlichem Besuch der ZimmerKollegen und wollte eigentlich nur heulen. Als die ersten Wehen kamen, erhielt ich ein Schmerzmittel, was aber nicht die geringste Wirkung zeigte.

Igendwann, nach all den vorrangigen Not OPs, war dann ich an der Reihe und ich war froh , als man mir für einige Minuten das Bewusstsein nahm. 

Nach 10 Stunden konnte  ich das Krankenhaus endlich verlassen und ich war so dankbar , als mich der Mann und die Läuse abholten. Endlich wieder Gefühle und Menschlichkeit um mich herum.

Unsere Läuse wussten von meiner Schwangerschaft.  Aus irgend einer Intuition heraus hatte ich ihnen aber bereits von Anfang an gesagt , dass es auch Kinder gibt, die es nicht schaffen, auf unsere Erde zu kommen, weil sie zu schwach oder Krank sind und so konnten sie Gott sei Dank sehr gut mit der Nachricht umgehen, dennoch reden sie immer mal wieder über unser Baby und das sie sehr traurig sind, dass es nicht kommen konnte. Diese Traurigkeit teilen wir mit den Beiden und zeigen das auch ganz offen. Wir alle vermissen unser Maikäferchen.

In meinem nahen Umfeld habe ich die unterschiedlichsten Reaktionen erfahren. Von: Ojee,  jetzt weiß dein Arbeitgeber davon, über: Ach, nimms nicht so schwer, du hast doch schon zwei, bis hin zu: Sei froh , wer weiß was das Kind gehabt hätte, war alles dabei. Sorry Leute, aber sowas geht garnicht. Mir ist es nicht peinlich, dass ich im Geschäft von meiner Schwangerschaft erzählt habe, meine Läuse machen mein 3. Kind nicht wieder lebendig und ich hätte dieses Kind auch mit einer Besonderheit genauso geliebt und angenommen , wie meine beiden Mädels. Wenn ihr euch in so einer Situation nicht zu helfen wisst, dann sagt lieber nichts, solche Aussagen tun verdammt weh und machen die Situation noch viel schlimmer! 

Ansonsten hoffe ich, dass es in Zukunft immer mehr Frauen gibt, die ihre Geschichte erzählen. Eine Fehlgeburt ist keine Schande und die meisten Frauen trifft keine Schuld. Vielmehr hilft jede aufgeschriebene Geschichte anderen Frauen und gibt Ihnen das Gefühl, nicht alleine zu sein und nicht schweigen zu müssen. Wir alle sollten ein offenes Ohr und Herz für einander haben und wenn einem mal die Worte fehlen, reicht es auch einfach mal nur für jemanden da zu sein. Es bedarf nicht immer vieler Worte!
Liebe Grüße von Nicole